26.02.2017, 15:30 Uhr

Der ÖPNV und die soziale Gerechtigkeit

Im Norden Bürger 2. Klasse? – Karl Stanggassinger vom Verkehrsforum bei den Grünen

Öffentlicher Personennahverkehr hat etwas mit sozialer Gerechtigkeit zu tun, sagt Karl Stanggassinger, denn wer auf ein Auto oder ein Zweitauto verzichten kann, spart sich einiges an Geld. Der frühere Lokführer ist Laufener, Ex-Stadtrat und Mitglied im Verkehrsforum Berchtesgadener Land. In dieser Funktion hatte ihn der Grünen-Ortsverband Laufen zu seiner ersten Versammlung 2017 in den Kapuzinerhof eingeladen, um aus berufenem Munde zu erfahren, was man tun könne und tun müsse, um die Situation für Einheimische und Reisende zu verbessern.

Eines steht für Stanggassinger außer Frage: „Die Schiene ist Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs, und die Busse sind darauf abzustimmen.“ Der vielfach geforderte Stundentakt auf der Bahnstecke Mühldorf-Freilassing helfe nichts, weil es keinen Anschluss gebe, erklärte Stanggassinger. Der Grund: „Der Verkehrsstern Mühldorf passt nicht zum Verkehrsstern Freilassing.“ Eine Lösung, die rasch umzusetzen wäre, wäre ein Stunden- oder gar Halbstundentakt zwischen Freilassing und Fridolfing, wo man bei Fahrzeiten von 23 Minuten mir nur einer Zuggarnitur auskommen würde. Genau das beantragten Laufens Grüne zusammen mit der ÖDP im Stadtrat und hoffen dabei auf die Unterstützung anderer Kommunen und der beiden Landkreise BGL und Traunstein.

Erklärtes Ziel des Verkehrsforums BGL für das Jahr 2017 ist die Verbesserung des ÖPNV im nördlichen Landkreis, denn die Ist-Situation sei nicht zufriedenstellend. Muss ein Schüler oder Arbeitnehmer morgens in Freilassing von der Südostbayernbahn auf den Meridian nach Traunstein umsteigen, so beträgt die Wartezeit einmal 20 Minuten, dann 41 und 44 Minuten und schließlich eine Stunde und 12 Minuten. In Richtung Berchtesgaden sind es 50 Minuten; besser ist es nach Reichenhall mit 4 beziehungsweise 23 Minuten, weil hier die S4 von Golling über Salzburg hinzukommt.

Stanggassinger beschrieb beispielhaft eine Großveranstaltung am Königssee, zu der ein Laufener knapp zweieinhalb Stunden unterwegs sei und deutlich mehr zu zahlen habe als ein Freilassinger, der eineinviertel Stunden Fahrt habe. „Ohne Sportveranstaltung dauert es nochmal 50 Minuten länger, weil dann keine Sonderbusse zum Königssee fahren“, weiß der Fachmann. Für ihn sind die Menschen im nördlichen Landkreis „Bürger 2. Klasse“. Stanggassinger sieht Verbesserungspotential auch in Laufen: So müsste der Busknoten Mozartplatz unbedingt an den Bahnhof verlegt werden. Immerhin sei dort schon einiges geschehen: Es gibt den Fahrkartenverkauf durch den Fahrdienstleiter von 5.30 Uhr bis 20.30 Uhr, eine öffentliche Telefonzelle, einen Taxistand, einen Warteraum, Info-Material, einen Haltepunkt für den Citybus und den barrierefreien Zugang zu den Bahnsteigen. Stanggassingers einziger Kritikpunkt: Die Einstiegshöhe zu den Zügen.

Er möchte auch die Gewerbegebiete einbinden und stellt folgende Rechnung auf: Ein Arbeiter oder Angestellter, der täglich mit dem Zug von Laufen nach Traunstein pendelt, würde sich im Vergleich zum Pkw monatlich 224 Euro sparen, bei einer Jahreskarte insgesamt 2748 Euro pro Jahr. Mit einer solchen Karte dürfe zudem an Samstagen noch ein Erwachsener und die eigenen Kinder kostenlos mitfahren. Gerade sozial schwächere Familien könnten sich dadurch ein Auto sparen, das tagsüber ohnehin sinnlos rumstünde. „Und einen Parkplatz braucht“, warf Stadtrat Georg Linner ein, denn bei neuen Gewerbebauten machten Parkplätze nicht selten ein Drittel der Gesamtfläche aus, „sie kosten ein Schweinegeld und verbrauchen Land.“

Beispielhaft zeigte dagegen Stadtrat Erich Althammer auf, dass es für ihn „finanziell ein absoluter Wahnsinn“ wäre, täglich mit Öffis nach Traunstein zu pendeln, müsste er doch morgens mit dem Bus über Waging fahren und nachmittags mit dem Zug über Freilassing, sich also zwei Monatskarten kaufen. Als „unguten Mischmasch“, bezeichnete auch Stanggassinger die unterschiedlichen Zuständigkeiten; er wünscht sich ein Ticket für alle Verkehrsunternehmen im Landkreis.

„Es hängt einfach vom Angebot ab“, sagte Ludwig Heigermoser als Ex-Eisenbahner über die Akzeptanz und verwies auf die Salzburger Lokalbahn, die in den 70er Jahren vor dem Aus gestanden habe, nun aber hervorragend angenommen werde, „obwohl sie nicht billig ist.“ Heigermoser sieht Potential auch in technischen Verbesserungen, denn eine Elektrische wäre wesentlich spurtstärker.

Für Stanggassinger ist Öffentlicher Personen-Nahverkehr „aktiver Klimaschutz“, sei doch gerade bei Pkw der Spritverbrauch und der CO2-Ausstoß in den letzten Jahren angestiegen. Ein Grund: Rund ein Fünftel der Neuzulassungen sind inzwischen PS-starke SUV. Stanggassinger erwartet mehr Engagement der Politik; Vertreter der „staatstragenden Partei“ etwa habe er noch nie beim Verkehrsforum gesehen. Das Forum trifft sich seit 2012 einmal monatlich, um alle Fragen in Sachen Schienen- und öffentlicher Personennahverkehr mit den Verantwortlichen zu diskutierten, „um den Nutzern eine Stimme zu geben“, wie er sagte. Für Karl Stanggassinger steht außer Frage: „Wenn die richtigen Leute das Richtige wollen, dann geht auch was.“

Von: Hannes Höfer

Stadt und Bahn haben am Laufener Bahnhof schon einiges getan. Anstatt des bisherigen Zwei-Stunden-Takts hoffen Verkehrsforum und Grüne auf einen Ein-Stunden-Takt. Besser noch wäre ein Anschluss jede halbe Stunde. Foto: Hannes Höfer

Kategorie: Laufen
 

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